Stand der Prüfung: 24. Juli 2026
VisualVest ist keine Spar-App mit Kapitalgarantie, sondern ein Frankfurter Wertpapierinstitut mit zwei unterschiedlichen Anlagewegen. Das 2015 gegründete Unternehmen gehört vollständig zu Union Investment, beschäftigt mehr als 100 Menschen und wird nach eigenen Angaben als Wertpapierinstitut von der BaFin zugelassen und beaufsichtigt. Im deutschen Apple App Store steht die App aktuell bei 4,5 von 5 Sternen aus 492 Bewertungen. Das ist ein brauchbares Nutzungssignal, aber weder eine Renditeaussage noch ein Ersatz für die Kosten- und Risikoprüfung.
Kurzurteil: SelectETF passt eher zu Menschen, die ETFs selbst auswählen und ihr Portfolio eigenständig pflegen wollen. Der Robo-Advisor ist die bequemere, aber dauerhaft kostenpflichtige Variante mit professioneller Überwachung und Rebalancing. Entscheidend sind nicht 50 Euro Neukundenprämie, sondern Verantwortung, laufende Kosten und die Bereitschaft, mögliche Verluste auszuhalten.
Zuerst klären, wer das Portfolio steuern soll
Unter derselben Marke stehen zwei Produkte, bei denen die Verantwortung an völlig unterschiedlichen Stellen liegt. Wer diese Trennung übersieht, vergleicht nur Gebühren und verpasst die wichtigere Frage: Will ich Anlageentscheidungen selbst treffen oder für Auswahl, Überwachung und Anpassung bezahlen?
SelectETF: selbst auswählen und selbst verantwortlich bleiben
Auf der offiziellen SelectETF-Seite von VisualVest werden 0 Euro Depotgebühr und 0 Euro Serviceentgelt für ETF-Sparpläne genannt. Sparen ist ab 1 Euro möglich. Für sonstige Kauf- und Verkaufsorders werden 0,25 Prozent des Kurswerts berechnet, mindestens 1 Euro und höchstens 59,90 Euro. Fondskosten, Spreads und mögliche weitere Kosten aus der Upvest-Vertragsbeziehung kommen je nach Nutzung hinzu.
Das Modell ist schlüssig, wenn man ETFs selbst beurteilen, die Gewichtung festlegen und bei Bedarf korrigieren kann. Ein Themen-ETF wird nicht allein dadurch breit gestreut, dass er als ETF angeboten wird. Wer keine Lust auf Fondsunterlagen, Portfolioaufteilung und regelmäßige Kontrolle hat, spart zwar die Verwaltungsgebühr, übernimmt aber Aufgaben, die später leicht liegen bleiben.
Robo-Advisor: Verwaltung einkaufen statt selbst nachsteuern
Der VisualVest Robo-Advisor startet ab 25 Euro. Nach einer Fragenstrecke wird eine Strategie aus sieben VestFolios oder sieben nachhaltigkeitsorientierten GreenFolios vorgeschlagen. VisualVest überwacht die Portfolios, tauscht Fonds bei Bedarf und führt Rebalancings durch. Bei den klassischen Strategien unterstützt das von Union Investment entwickelte Werkzeug Malina den Prozess. Es kann jedoch weder Verluste ausschließen noch die Zukunft zuverlässig vorhersagen.
Die Verwaltungsleistung kann sinnvoll sein, wenn man sonst in hektischen Marktphasen ständig umschichten würde oder die Portfolioarbeit bewusst abgeben möchte. Wer dagegen ohnehin einen einfachen, breit gestreuten ETF-Sparplan selbst führen kann, sollte nüchtern prüfen, ob die laufende Gebühr den Komfort rechtfertigt.
Die Kosten stecken nicht in einer einzigen Zahl
Bei kleinen SelectETF-Einmalorders wirkt die Mindestgebühr stärker als die Prozentangabe. Für eine Order über 100 Euro werden wegen des Minimums 1 Euro fällig, also effektiv 1 Prozent. Bei 500 Euro entsprechen 0,25 Prozent dagegen 1,25 Euro. Auch ein gebührenfreier Sparplan hat weiterhin ETF-interne Kosten; beim Handel kann zusätzlich der Spread ins Gewicht fallen.
Beim Robo-Advisor beträgt die Servicegebühr 0,6 Prozent des Depotwerts pro Jahr. Sie wird monatlich berechnet und im Dezember belastet. Bei 10.000 Euro Depotwert sind das grob 60 Euro jährlich, zuzüglich Fondskosten. Der Rechner auf der offiziellen VisualVest-Kostenseite zeigt derzeit 0,16 Prozent als veranschaulichten Durchschnitt der Fondskosten. Die tatsächlichen Kosten hängen von der Strategie ab; maßgeblich ist die individuelle Kosteninformation vor dem Abschluss.
Die faire Gegenfrage lautet deshalb: Ist mir die ausgelagerte Verwaltung dauerhaft mehr wert als das selbstständige Führen des Portfolios? Eine einmalige Prämie verändert diese Rechnung nur kurz.
Der Risikofragebogen ist kein Sicherheitsversprechen
VestFolio und GreenFolio gibt es jeweils in sieben Risikostufen. Mit höherer Risikobereitschaft steigt typischerweise die Bedeutung schwankungsreicher Anlageklassen. Rebalancing stellt die vorgesehene Aufteilung wieder her, ist aber kein automatischer Ausstieg vor fallenden Kursen. Auch „nachhaltigkeitsorientiert“ bedeutet weder sicherer noch automatisch besser passend zu den eigenen Wertvorstellungen.
In den Risikohinweisen von VisualVest wird ausdrücklich auf einen möglichen vollständigen Verlust des eingesetzten Kapitals hingewiesen. Empfohlen werden Geld, das nicht für den Alltag benötigt wird, und mindestens drei Jahre Anlagehorizont. Drei Jahre sind eine Mindestempfehlung des Anbieters, keine Gewinnzusage. Miete, Steuern, Studienkosten oder eine bald benötigte Anzahlung gehören daher nicht nur wegen der einfachen Bedienung in ein schwankendes Depot.
Eröffnung, Auszahlung und Kündigung sauber auseinanderhalten
Registrieren können sich laut FAQ natürliche Personen ab 18 Jahren, die ausschließlich in Deutschland steuerlich ansässig sind, ein Girokonto bei einem Institut im SEPA-Raum haben, eine EWR-Staatsangehörigkeit besitzen, keine US-Staatsbürgerschaft haben und keine politisch exponierte Person sind. Die Legitimation läuft online über IDnow VideoIdent oder per eID mit der Online-Ausweisfunktion.
Auszahlungen auf das Referenzkonto dauern üblicherweise zwei bis drei Bankarbeitstage. Beim Robo ist eine Teilauszahlung, die den Anlagebetrag unter 25 Euro drücken würde, nur als Komplettverkauf möglich. Wichtig: Ein Komplettverkauf schließt das Depot nicht automatisch. Wer wirklich beenden möchte, verkauft zunächst vollständig und sendet danach den Kündigungsauftrag an den zuständigen Kundenservice. Der Robo-Vertrag kann kundenseitig jederzeit ohne Frist in Textform gekündigt werden.
SelectETF und Robo-Advisor sind zudem keine zwei Ansichten desselben Antrags. Auch Bestandskunden müssen sich für das jeweils andere Produkt separat registrieren; anschließend lässt sich in der App zwischen den Profilen wechseln. Bei laufenden Sparraten unterscheiden sich die Abläufe ebenfalls: Eine Robo-Sparrate kann grundsätzlich pausiert oder reduziert werden, während ein SelectETF-Sparplan für geänderte Einstellungen gelöscht und neu angelegt werden muss. Wer beide Wege nutzt, sollte Abbuchungstage, Referenzkonto und Sparplanstatus deshalb getrennt kontrollieren.
Ein Freistellungsauftrag lässt sich im Benutzerkonto hinterlegen und muss mit bereits bei anderen Banken oder Brokern verteilten Beträgen abgestimmt werden. Vor der Eröffnung lohnt sich auf der offiziellen VisualVest-FAQ-Seite besonders der Blick auf Ein- und Auszahlungen, Steuern und Kosten sowie Depotkündigung.
50 Euro sind ein Bonus, kein Auswahlkriterium
Die aktuelle Robo-Neukundenaktion läuft nach den offiziellen Bedingungen bis 31. Juli 2026. Das Depot muss sechs Monate bestehen. Zusätzlich muss entweder der anfängliche Sparplan durchgehend aktiv bleiben und mindestens 50 Euro je Ausführung betragen, oder es müssen innerhalb der ersten zwei Monate insgesamt mindestens 300 Euro per Einmalzahlung investiert werden. Die Details und den verdeckt angezeigten Code findet man auf der VisualVest-Coupon-Seite bei EuroSnip; vor der Eröffnung sollten die offiziellen Teilnahmebedingungen erneut geprüft werden.
Sinnvoll ist die Reihenfolge nur andersherum: Erst muss der Robo-Advisor als Produkt passen, danach ist die Prämie ein Extra. Wer wegen 50 Euro einen unpassenden Sparplan sechs Monate weiterführt oder benötigtes Geld nicht entnimmt, hat am falschen Ende optimiert.
Für wen VisualVest passt – und für wen eher nicht
Eher passend für:
- In Deutschland steuerpflichtige Anlegerinnen und Anleger, die zwischen eigener ETF-Auswahl und verwaltetem Portfolio wählen möchten.
- Menschen, denen laufende Überwachung und Rebalancing eine nachvollziehbare Gebühr wert sind.
- SelectETF-Nutzer, die Fonds verstehen, selten handeln und Sparpläne bewusst selbst steuern.
- Langfristig orientierte Personen mit separat aufgebauter Liquiditätsreserve.
Eher nicht passend für:
- Wer Kapitalgarantie, einen festen Zinssatz oder kurzfristige Planungssicherheit braucht.
- Wer nur wegen der Prämie eröffnet und laufende Kosten, Fondsgebühren sowie Spreads ausblendet.
- Personen, die die Registrierungsbedingungen nicht erfüllen oder ein Gemeinschaftsdepot benötigen.
- Wer Kursschwankungen nicht aushält und bei Rückgängen voraussichtlich sofort verkauft.
Meine Empfehlung: vier Entscheidungen vor dem Antrag
Zuerst bleiben Notgroschen und in den nächsten drei Jahren fest verplantes Geld außerhalb des Depots. Danach ehrlich entscheiden, ob ETF-Auswahl und Rebalancing selbst übernommen werden sollen. Im dritten Schritt nicht nur die Ergebnisgrafik der Fragenstrecke ansehen, sondern Kosteninformation, Portfoliodokumente und Risikohinweise öffnen. Zum Schluss die Wege für Auszahlung, Komplettverkauf, Kündigung und Freistellungsauftrag notieren.
Die Stärke von VisualVest ist die klare Wahl zwischen Eigenverantwortung und delegierter Verwaltung innerhalb einer Marke. Genau darin liegt auch das größte Missverständnis: Beide Wege wirken einfach, verlangen aber unterschiedliche Entscheidungen. Passend ist das Angebot erst, wenn Verantwortlichkeit, Gesamtkosten und Verhalten bei fallenden Kursen vorab geklärt sind.



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